Donnerstag, 11. Januar 2007

Dem ZEICHEN MARIENS zum Geleit

I.

Wenn eine Lawine den Talboden erreicht, hat sie die größte Kraft, aber sie läuft sich dann rasch zu Ende. So ist es auch mit dem Reformismus in unseren Tagen. Mit dem Ende des 2. Vatikanischen Konzils kam die durch Johannes XXIII. ausgelöste Lawine des Reformismus auf dem Talboden des kirchlichen Lebens an; seitdem verliert sie an Volumen und Kraft.
Was ist geschehen? Kräfte, die bereits unter Pius XII., wenn auch im Verborgenen, am Werk waren, kamen mit der Einberufung des Konzils und vor allem infolge des Verlaufs der Konzilssessionen in Freiheit und rissen die Führung in der Kirche an sich. Zwar konnten sie ihren häretischen Geist nicht in den Konzilsbeschlüssen, wie der Heilige Vater sie billigte, niederschlagen; und darin erkennt man das Wirken des Heiligen Geistes. Aber sie betrachen dieses Konzil auch nur als eine erste Öffnung; es brachte ihnen die Vorherrschaft vor den konservativen Kräften; und nun vesuchen sie durch einseitige Interpretation den Geist der Beschlüsse des 2. Vatikanischen Konzils zu verfälschen. Ja, viele von ihnen gehen entschlossen über ihre eigenen Positionen während des Konzils hinaus und versuchen eine nachkonziliäre Kirche zu verwirklichen, die in entscheidenden Lehrstücken mit der einen heiligen katholischen und apostolischen Kirche nichts Gemeinsames mehr hat.
Dieser Geist des konziliären und nachkonziliären Reformismus herrscht heute universell in der römisch-katholischen Kirche vor. Wollte man nach dem urteilen, was sich heute ausspricht und auswirkt, so müßte man sagen: die alte katholische Kirche ist im Untergang begriffen.


II.

Aber so ist es nur scheinbar. so ungeheurlich und schmerzlich die Manifestationen des Unglaubens und der Verspottung des Gottessohnes in seiner Kirche sind - alle diese Vorkommnisse dürfen unseren Blick nicht trüben und uns von einer klaren Analyse der Dinge nicht abhalten.
Der Reformismus hat in Wirklichkeit nicht gesiegt. Die Gründe für diese Behauptung, die den meisten Lesern zunächst höchst erstaunlich vorkommen mag, sind diese:
1. Der Reformismus, der sich vor allem auf wissenschaftliche Einsichten beruft, hat in Wahrheit keine wissenschaftliche Basis. Zwar hat man die scholastischen Grundlagen der kirchlichen Lehre preisgegeben; an ihre Stelle aber werden nur Totgeburten gesetzt. Heideggeranismus, Teilhards Evolutionismus und Bultmannismus sind wissenschaftlich gleicherweise erledigt. Die Unhaltbarkeit dieser Konzeptionen ist im Gebiete der eigentlichen Philosophie und Wissenschaft nicht mehr verborgen. Der verwesende Leichnam dieser pseudowissenschaftlichen Positionen ist nur noch nicht hinweggeräumt. Die Führer der Reformisten auf dem Gebiet der Wissenschaft sind bereits widerlegt und abgewiesen. Ein Rahner, Küng, Metz, Teilhard de Chardin und wie sie alle heißen mögen haben ihre Unwissenschaftlichkeit klar enthüllt und vermögen ihre Positionen nicht zu halten.
2. Der Reformismus ist sich zwar in der Bekämpfung der ewigen katholischen Wahrheit einig, aber in sich zutiefst uneins. Die einen tendieren unverhohlen zum Materialismus, die anderen zu einem substanzlosen Liberalismus, wieder andere zu einer existenzialistischen Seinslehre. Nachdem die Reformer die Herrschaft in der Kirche an sich gerissen haben, wird diese Uneinigkeit immer mehr zutage treten, und man wird das Schauspiel erleben, wie sie sich selbst zerfleischen.
3. Die Heiligen in der Kirche und das einfache gläubige Volk lehnen den Reformismus ab. Sie sind mit uns und nicht mit den Modernisten. Das Volk hält wie eh und je an der Verehrung heilgmäßiger Männer, wie Pater Pio, fest. Das einfache Volk, das die Schule des Lebens und der Leiden kennt, setzt wie zu allen Zeiten seine Hoffnung nicht auf die "aufgeklärten" Theologen und die Hierarchie, sondern auf die Heiligen, allen voran auf die Gottesmutter, und darauf, daß Gott selbst sein Volk leiten und in dieser furchtbaren Notlage zu ihm sprechen wird.
Ein Haus, wie das des Reformismus, das keine haltbare Grundlage hat, in sich uneins ist und der Heiligkeit, dieser bleibenden Weseneseigenschaft der wahren Kirche, so völlig entbehrt, wird keinen Bestand haben. Der Reformismus ist weder katholisch (sondern häretisch) noch eins (sondern zersplittert), noch heilig (sondern weltllich-blasphemisch). Er ist auch nur scheinbar apostolisch. Noch ist der Helige Vater kein Reformer, noch gibt es treue Bischöfe, die über die Rechtgläubigkeit der Kirche wachen. Und wir haben die Verheißung des Herrn, daß die Pforten der Hölle die wahre Kirche nicht überwältigen werden.
Wenn die Lage allen aussichtlos erscheint, wird Gott selber die Geschicke seiner Kirche lenken. Der heute triumphierende Reformismus wird jedenfalls nicht bleiben; er wird rasch zerfallen, und man wird sich in hundert Jahren ebenso darüber wundern, wie man sich heute über die unerwartete Ausbreitung und die Erfolge des Arianismus im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wundern muß. Gerade in diesem Augenblick, wo die Reformisten den vollen Sieg errungen zu haben scheinen, beginnt ihr Verfall. Sie leben nur von dem Schritt nach vorne; aber sie sind an der Grenze angekommen, wo sie die definierte Lehre der Kirche selbst leugnen müssen; und viele von ihnen tun es bereits. Auf ihren Voraussetzungen kann niemand ein wahrhaft religiöses Leben aufbauen; und darum müssen sie die gläubigen früher oder später verlieren.


III.

Was ist angesichts dieser Situation zu tun? Das erste Gebot ist, sich nicht verwirren zu lassen, ruhig und fest zu bleiben. So gewaltig scheinbar der Erfolg der Reformisten ist, sie sind bereits tot. Früher oder später wird die Vernunft siegen. Im Gebiete der Wissenschaft ist ihre Pseudowissenschaftlichkeit für alle sichtbar zu entlarven; im Gebiete der Religion muß durch die Realität das Absurde ihrer Lebenshaltung demonstriert werden. Die Menschen werden trotz der wohlklingenden Phrasen der Reformer weiterhin lebendige Lebenserfahrungen machen. Durch diese werden ihnen die Augen für die Unsinnigkeit des Reformismus geöffnet werden; sie werden die Reformer stehenlassen und ihren wahrhaft religiösen Weg gehen. Die Religion als solche stirbt nicht aus; Religion ist ein unaufhebbares ewiges Anliegen der Menschen. Unsere Aufgabe als Gegner des Reformismus ist eine doppelte. Wir müssen Wahrer des religiöses Lebens in der Kirche sein. Wir müssen an der wissenschaftlichen Überwindung der rückständigen Pseudowissenschaft und -theologie der Reformisten arbeiten. Wenn wir nur festbleiben und überall Gruppen bilden, die unnachgiebig im unveränderten katholischen Glauben verharren; wenn wir anderseit ehrlich an einer wissenschaftlichen Erhellung des Christentums, das die Erkenntnis der Wahrheit nicht zu fürchten braucht, arbeiten, werden wir zu seiner Zeit erleben, wie der stolze und scheinbar so mächtige Koloß des Reformismus zusammenstürzt. Dann wird auch diese Entwicklung ihre Früchte tragen. Wir werden die Kirche nicht mehr für etwas Selbstverständliches halten, sondern sie mit vollem Bewußtsein und Willen als Wirklickeit im Gegensatze zur Welt, die sie haßt, realisieren.
Darüber hinaus müssen wir vertrauen, daß Got es nicht zuläßt, daß der Felsen Petri vom Reformismus überwältigt wird. Der Herr hat der Kirche die Verheißung gegeben, daß sie nicht der Hölle verfallen wird. Wir müssen einfach daran glauben und darauf hoffen, daß der Herr Sein Wort erfüllt. Und Er erfüllt es. Denn Er hat uns in dieser schweren Zeit nicht nur nicht in der höchsten kirchlichen Autorität, dem Heiligen Vater, im Stiche gelassen, er hat uns durch Maria eine prophetische Leitung gegeben, wie das Gottesvolk sie seit dem Alten Bunde nicht mehr gekannt hat. Wo die Gefahr ins Unermeßliche wächst, da ist auch die Hilfe größer und näher. Seit La Salette hat der Herr uns durch Seine heilige Mutter die Perspektive dieses Endkampfes enthüllt und uns die Rettungsmittel gewiesen. Stellen wir uns also alle unter Seine nunmehr wieder unmittebare Führung, unter das Zeichen Mariens.

Univ.-Professor Reinhard Lauth

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